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Berge und Täler, davor Männer und Frauen | Gedichte

 

René Hamann
(reihe black paperhouse, Band 9)


Überschärft ...
wie mit der Photoshop-Filter-Funktion „unscharf maskieren“ bearbeitet und hernach in der Ebenenfunktion mittels „multiplizieren“ vereint: Dermaßen stehen die Kulissen-, die Figuren-, Handlungs- und möglicherweise Erinnerungsebenen der Gedichte des 1971 in Solingen geborenen, in Emmerich am Rhein aufgewachsenen und in Berlin lebenden René Hamann zueinander: Das eine scheint durch das andere hindurch, stärkt und dunkelt es zugleich: Alles ist Hinter- und alles ist Vordergrund, wie eine der zahllosen, nur noch am Dialektfirnis erkennbaren, in Berlin gelebten Heimaten. Und keineswegs selbstverständlich ist seine „Provinz“ das Thema dieses Lyrikers. In fassbinderschen und brinkmannschen Traditionen stehend, erdet oder „reduziert“ Hamann die einzelnen Ge-Schichten immer wieder auf das Weiß der Hintergrundebene: Eine Technik, die die Pointen („im unterstand jeder mensch / ein bett, mancher nur ein halbes“) vieldeutig verschleift oder sie wie in Lütticher Str. 58 („erzähl mir, woher ich dich kenne / deine muttermale sagen mir nichts“) mit den oft sprechenden Namen – wie gesagt – überschärfter Ortsbestimmung konfrontiert. Es sind Gedichte, die es gar nicht erst versuchen, sich den Perversionen der Zusammenhänge (z. B. von Erscheinung und Verschwinden, von Meinung und Farbe, von Name und Funktion) zu entziehen, sie der Ebene des Sprechens anzuverwandeln. Es sind Gedichte, die mich, den Lesenden, dazu provozieren, die eigenen längst von negativer Gravitation dominierten Zusammenhänge wachzurufen, und sei es nur, um wiedermal nach-zusehen, was richtig ist und was falsch. (S. Anderson)


Berge und Täler, davor Männer und Frauen
Gedruckt auf Freelife Vellum White von Fedrigoni
Mit gefaltetem Plakatumschlag, unter Verwendung einer Zeichnung von Eva Köstner
64 Seiten, br., 18,5 x 14 cm, dt., Euro 11,00
ISBN 978-3-936826-46-3
© gutleut verlag 2009

 

Beispieltext:


LÜTTICHER STR. 58

ausschlafen ist ihr ein fremdwort
sie kniet auf dem bett und blättert
in einem fotoalbum, studiert es
mit straußenaugen, das weltall

schläft, sie schaut auf die gesichter
die ihr unbekannt sind, ätherische
farben, bleiche motive, berge und
täler, davor männer und frauen

die haben in der tagundnachtgleiche
immer ein bein vors andere gestellt

wenn sich das weltall umdreht, flach
wie unbewegtes wasser, stellen sich
neue motive ein: gelutschte zehen
zimmerlautstärken, sexualfolklore

erzähl mir, woher ich dich kenne
deine muttermale sagen mir nichts

Mit gefaltetem Plakatumschlag, unter Verwendung einer Zeichnung von Eva Köstner